Und dann gab’s eines mehr (von Rob Reef)

Eine Insel ist eine Landmasse, die vollständig von Wasser umgeben ist. Sie ist (weniger prosaisch betrachtet) aber auch ein beliebter literarischer Topos, ein Ort für Mythen, große Abenteuer, utopische Fantasien und – Morde.

Hier hat die Insel die gleiche Funktion wie das abgeschiedene Landhaus, der Ozeandampfer oder der fahrende Luxuszug. Sie wirkt isolierend und verwandelt so eine Gruppe von Menschen, sobald das Verbrechen geschehen ist, ganz selbstverständlich in den für Detektivromane so nützlichen „geschlossenen Kreis von Verdächtigen“. Agatha Christies „Und dann gabs keines mehr“ (1939) ist nicht nur eines der weltweit meistverkauften Bücher, es ist auch der wohl bekannteste Insel-Krimi, dicht gefolgt von „Das Böse unter der Sonne“, mit dem es Hercules Poirot zwei Jahre später zu tun bekam.

Der Faszination dieses Topos unterlagen viele Mitglieder des Londoner Detection Club. Anthony Berkeleys „Panic Party“ (1934) ist hier ebenso zu nennen wie Ronald A. Knox’ „Double Cross Purposes“ (1937) oder Ngaio Marshs letzter Roman „Photo Finish“ (1980). Wer nun aber glaubt, dass das Inselmotiv für Kriminalromanautoren der heutigen Zeit an Attraktivität verloren hätte, irrt, denn mit dem Wiedererwachen des klassischen Rätselromans ist auch die Insel erneut in den Fokus gerückt. Alice Arisugawas „The Moai Island Puzzle“ (1989), Camilla Läckbergs „Schneesturm und Mandelduft“ (2007) und Yukito Ayatsujis „The Decagon House Murders“ (2007) sind Beispiele für aktuellere Inselabenteuer. Und dann gab’s eines mehr, nämlich „Das Rätsel von Ker Island“ (2018).

John Stablefords neuester Fall ist ganz den Klassikern dieses Sub-Genres verpflichtet, und wer sich in einer fair erzählten Geschichte gerne mit auf die Jagd nach dem Täter macht, kommt bei diesem Buch sicher auf seine Kosten. Mein Lieblingsinselkrimi ist übrigens Garnett Westons „Murder on Shadow Island“ (1933), ein Roman mit einer ordentlichen Portion „Gespenstergeschichte“, die sich vielleicht durch die Lektüre dieses Buches auch im vierten „Stableford“ eingeschlichen hat.

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