Fauler Zauber oder doch echte Magie?

Ein kurzer Einblick in die Geschichte der Tarotkarten

Es gibt Menschen, die unter keinen Umständen einen Blick in die eigene Zukunft werfen wollen. Meine Protagonistin Julie Mireau aus der »Hexe von Maine« ist so ein Mensch. Weder Teeblätter noch die Kristallkugel oder Runen sind für sie probate Mittel, ihre Probleme zu lösen, weder zukünftige noch aktuelle. Leider hält das Schicksal in dieser (und anderer) Beziehung die eine oder andere Überraschung bereit, und sie muss lernen, mit ihrem Erbe als Nachfahrin einer Hexenfamilie zu leben. Dabei spielen Tarotkarten eine wichtige Rolle.

Eine kurze Geschichte des Tarots

Das Tarot mit seinen 78 Karten, wie wir es heute kennen, entstand bereits vor vielen Jahrhunderten als reines Kartenspiel. Das »Tarocchi« oder auch »Taraux«, wie es genannt wurde, umfasste 60 Karten und wurde in ganz Europa begeistert gespielt. Als gesichert gilt die Existenz des Trionfi, wie es damals genannt wurde, das im 15. Jahrhundert entworfen und gefertigt

wurde und damals sagenhafte 1500 Dukaten kostete. Das entspricht in etwa 100.000 €, die der Käufer heute auf den Tisch legen müsste. Viele der aktuellen Motive waren in den historischen Karten bereits angelegt, und auch wenn die Karten erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts zum Wahrsagen genutzt werden, ähneln sich die Bilder sehr. Das Marseiller Tarot des Künstlers Nicolas Conver ist komplett erhalten und wird als eines der ältesten Wahrsage-Tarots immer wieder neu aufgelegt.

Ein sagenumwobenes Spiel

Wie alle magischen Hilfsmittel ranken sich auch um die Entstehung der Tarotkarten allerlei Gerüchte. Manche positionieren ihre Entstehung im alten Ägypten, wo sie erschaffen wurden, um geheime Kenntnisse vor dem Untergang zu bewahren. Überhaupt spielt der Gedanke des geheimen Wissens, das sich nur einem Kreis Eingeweihter erschließt, bei den Entstehungsmythen eine große Rolle. Ausgehend von der Anzahl der Karten, die bei 78 liegt, und die Unterteilung in die 22 Trümpfe der großen Arkana und die 56 der Farbkarten, existiert noch ein weiterer Mythos: Tarot und Kabbala, eine jüdische Mysterienlehre, sind miteinander verbunden. Dieser Glaube beruht auf der Tatsache, dass das hebräische Alphabet 22 Buchstaben hat und der kabbalistische Lebensbaum 22 Wege zur Weisheit. Ob Roma und Sinti, ob Freimaurer oder altgriechische Mathematiker, auf irgendeine Weise kann alles und jeder mit dem Tarot in Verbindung gebracht werden.

Vom Kartenspiel zum Instrument der Wahrsagekunst

Ab 1750 wendete sich das Blatt, und aus dem unterhaltsamen Spiel wurde ein Mittel, um wahlweise in die Zukunft zu schauen oder an Selbsterkenntnis zu gewinnen. Der »Hermetic Order of the Golden Dawn« entdeckten die Karten als Instrument zur Erkundung der eigenen Befindlichkeit, und auch wenn der Orden die Karten nicht Divinationsinstrument ansah, so war der erste Schritt getan. Mit dem Auftritt Aleister Crowleys auf der Bühne des Okkultimus erlangten die Karten die Bedeutsamkeit, die wir ihnen heute noch zugestehen. Crowley, der zwei Jahre lang Mitglied im oben erwähnten Orden war, gab der Künstlerin Frieda Harris den Auftrag zur Illustration des Decks, das bis heute als Thoth Tarot bekannt und beliebt ist. Auch ein anderes berühmtes Tarot wurde übrigens von einer Künstlerin erschaffen und bis heute benutzt. Es ist das Rider Waite Tarot, das ebenso wenig den Namen seiner Schöpferin trägt wie es beim Crowley Tarot der Fall ist.

Aber dazu im nächsten Teil des Artikels zum Thema Tarot ein wenig mehr.

Von unserer Autorin Natalie Winter

Houdini und Scotland Yard – von Kriminalistik und Zauberei

Harry_HoudiniDie Antwort auf die Frage, wie es der Giftmörderin Adelaide Bartlett 1885 gelang, ihrem Ehegatten Chloroform in flüssiger Form zu verabreichen, ohne dabei seine Speiseröhre zu verätzen, ist heutzutage ebenso in Vergessenheit geraten wie das Geheimnis jenes Zaubertricks, den der französische Illusionist Hamilton am 16. Januar 1860 zum ersten Mal vorführte: Er ließ ein etwa sechsjähriges Mädchen auf die Bühne treten und bat einige Zuschauer, sich davon zu überzeugen, dass an ihm selbst und dem Kind keinerlei Hilfsmittel angebracht waren. Dann nahm er ein einzelnes Haar des Mädchens zwischen Daumen und Zeigefinger und hob es mit Leichtigkeit daran ungefähr einen halben Meter vom Boden. Danach setzte er es behutsam wieder ab.

Wie im Mordfall Bartlett gab es selbstverständlich auch für diesen Trick eine ganz natürliche Erklärung. 1885 bot der Zaubergerätehändler Voisin den Trick für gerade mal 15 Francs seinen Kollegen zum Kauf an. Zahlreiche Illusionisten führten das Kunststück daraufhin vor, doch geriet der Trick nach einer Weile aus der Mode und schließlich ganz in Vergessenheit. Das Geheimnis ging verloren. Bis heute ist es keinem Zauberkünstler mehr gelungen, das verblüffende Kunststück nachzumachen.

Einer der bekanntesten Illusionisten und Salonmagier tritt in dem neuen Roman von Robert C. Marley „Inspector Swanson und der Magische Zirkel“ auf: Harry Houdini. Ein Name, der selbst im 21. Jahrhundert noch als Synonym für spektakuläre Entfesselungskunst steht.

 

Der Große Houdini

 

houdini1874 wurde der Große Houdini, wie man ihn später nannte, unter dem Namen Ehrich (nach anderen Quellen Erich) Weiß in Budapest als Sohn eines Rabbis geboren und wuchs, nach der Emigration der Familie in die USA, in Wisconsin auf. Schon als Kind faszinierte ihn die Zauberei. Kaum den Kinderschuhen entwachsen, trat er zunächst mit einem seiner Brüder auf Jahrmärkten auf. Da mit der Zauberei kaum Geld zu verdienen war, verdingte sich der junge Ehrich zeitweilig als Zeitungsverkäufer und Arbeiter in einer Krawattenfabrik. Nach seiner Hochzeit mit Beatrice Raymond – genannt Bessie – trat er mehr oder weniger erfolgreich ausschließlich als Zauberer und Entfesselungskünstler auf. Doch das Geld war knapp. Oftmals musste er auf den Märkten Kartoffeln stehlen, um sich und Bessie überhaupt ernähren zu können.

Im Jahre 1899 traf Ehrich Weiß mit dem Theateragenten Martin Beck zusammen, der ihm riet, die herkömmliche Salonmagie mit ihren Tauben und aus Hüten erscheinenden Blumensträußen und Tüchern an den Nagel zu hängen und sich voll und ganz auf spektakuläre Entfesselungstricks zu verlegen. Doch auch hier ließ der Erfolg auf sich warten. Der große Erfolg sollte erst in England kommen, und das auf völlig unvorhergesehene Weise!

 

Scotland Yard lässt sich herausfordern

 

Bei einem Gastspiel in London forderte Ehrich, der mittlerweile unter dem Namen Harry Houdini auftrat, großspurig die Londoner Polizei heraus. Er sei der größte Ausbruchskünstler der Welt! Nicht einmal Scotland Yard sei es möglich, ihn festzuhalten, behauptete Houdini! Superintendent Melville ging tatsächlich darauf ein. Im Beisein eines Journalisten fesselte er Houdini mit Hilfe vermeintlich ausbruchsicherer Handschellen an einen Pfeiler und teilte dem ambitionierten Entfesselungskünstler mit, dies sei genau die Art und Weise, wie man in England mit vorlauten Amerikanern umgehe. Mit den Worten: „Lassen wir ihn ein paar Stunden hier und gehen derweil einen Tee trinken“, wandte sich Melville grinsend an den Journalisten und wollte eben davongehen, als ihm Harry Houdini von hinten auf die Schulter tippte, dem Superintendenten die geöffneten Handschellen hinhielt und sagte: „Nun, ich würde Sie ganz gern begleiten, Gentlemen.“

Dieses Ereignis ging durch die Presse und begründete Houdinis Ruhm. Fortan trat er in London, Berlin und Moskau auf und kehrte als Star in die Vereinigten Staaten zurück. Er schrieb Bücher, trat in Filmen auf und tourte mit seiner Show um die Welt.

 

Harry Houdinis Siegeszug hat begonnen!

 

Lady Jane Doyle

Lady Jane Doyle

„Nicht schlecht für Kirmesbuden-Harry“, schrieb er in jenen Tagen in sein Tagebuch. Eine seiner spektakulärsten Vorführungen war die Wasserfolter – ein Kunststück, bei dem sich der Illusionist, in eine Zwangsjacke gekleidet und mit Handschellen gefesselt, aus einem mit Wasser gefüllten Glaskasten befreite. Houdini perfektionierte den Trick und machte ihn noch spektakulärer, indem er sich kopfüber in dem Glas- und Wassergefängnis festschnallen ließ.

1923 wurde Harry Houdini in New York als Freimaurer in die Cecil Lodge aufgenommen. Seit er über Geld verfügte, war es ihm ein Anliegen, Gutes zu tun und den weniger Begünstigten dieser Welt zu helfen. Mit seinem Freimaurer-Bruder Sir Arthur Conan-Doyle verband ihn eine enge Freundschaft. Während der Skeptiker Houdini jedoch nichts vom Spiritismus hielt und zahlreiche Möchtegern-Medien und Geisterbeschwörer als Scharlatane entlarvte, sah Conan Doyle den Spiritismus als erwiesene Tatsache an. Als Lady Jean Conan Doyle, die sich als Medium betätigte, Houdini anbot, Kontakt zu dessen geliebter, verstorbener Mutter herzustellen, kam es zum Bruch.

 

Ein unerwartetes Ende

 

Ebenso wie sein Erfolg kam auch Harry Houdinis Ende vollkommen unerwartet und überraschend. Am 21. Oktober 1926 wurde er während einer Pause im Umkleideraum des Princess Theaters in Montreal von drei Studenten aufgesucht. Der Kräftigste von ihnen sprach Houdini auf dessen Behauptung an, er könne jeden Faustschlag gegen seinen Körper – wie stark er auch sei – mit Leichtigkeit auffangen. Und er bat den Entfesselungskünstler, dies ausprobieren zu dürfen. Houdini, der auf dem Sofa lag, stimmte zu. Vier rasche, kräftige Schläge trafen ihn mit voller Wucht, als er sich gerade vom Sofa erheben wollte. „Nicht so!“, stöhnte Houdini und rang nach Luft. „Ich muss mich vorbereiten.“ Der junge Mann entschuldigte sich und schlug auf Houdinis Zeichen abermals zu. Diesmal hielt der Illusionist stand. Doch die ersten Schläge hatten das Schicksal des Entfesselungskünstlers bereits besiegelt. Ohne es zu ahnen, trat der Todgeweihte noch drei weitere Abende unter Schmerzen mit einem perforierten Blinddarm auf. Als ihn Bessie schließlich dazu überredete, einen Arzt aufzusuchen, war es zu spät. Nach einer misslungenen Notoperation starb Harry Houdini, der größte Entfesselungskünstler aller Zeiten, am Abend des 29. Oktober 1926. Er wurde nur 57 Jahre alt.

Die Zauberkunst ist ein seltsames und rätselhaftes Geschäft; genau wie die Kunst, das perfekte Verbrechen zu verüben – zumindest in der Literatur. Wer dieser Verbindung nachgehen möchte, dem sei Robert C. Marleys Roman „Inspector Swanson und der Magische Zirkel“ empfohlen.

 

Von Gerald Hagemann (Übersetzer der Swanson-Reihe)
und René Adebahr Hagemann (Zauberkünstler & Illusionist)