Spiritismus und was davon zu halten ist (von Robert C. Marley)

Spiritismus und was davon zu halten ist

 

Warum Sir Arthur Conan Doyle an Geister glaubte und Chief Inspector Swanson die Tatsachen im Auge behielt.

 

von Robert C. Marley

Ich möchte Sie nicht mit der Geschichte der Spiritismusbewegung langweilen. Ihr Siegeszug, der 1847/48 mit drei jungfräulichen Schwestern namens Fox in Hydesville, New York begann, im 19. Jahrhundert in Großbritannien seinen Höhepunkt erlebte und in verschiedenen Ausprägungen bis heute andauert, kann leicht im Internet nachgelesen werden.

Mich interessiert vielmehr die Frage: Warum konnte sich der Glaube an Geister und vor allem die Überzeugung, man könne Kontakt mit ihnen aufnehmen, in einer modernen, fortschrittlichen Zeit überhaupt durchsetzen?

Heute

 

Heutzutage sind wir fortschrittlicher und aufgeklärter denn je.

Wir fliegen in den Weltraum, schicken Satelliten zu fremden Planeten, haben die DNS, die Bausteine des Lebens, beinahe gänzlich entschlüsselt, klonen Tiere und sind mittlerweile dabei, aus lauter Übereifer die von uns erschaffenen künstlichen Intelligenzen dahin gehend weiterzuentwickeln, dass sie sich völlig autark reproduzieren können.

Es ist keine Utopie, sich vorzustellen, in wenigen Jahren gleichberechtigte Mitbürger zu haben, die sich fortpflanzen, indem sie elektronische Bauteile zu einem neuen Erdenbürger zusammenfügen. Sie halten das für übertrieben?

Wenn Sie Google oder facebook nutzen, haben Sie es schon mit unabhängig arbeitender künstlicher Intelligenz zu tun. Die Algorithmen, die diese praktisch erscheinenden Anwendungen benutzen, um Ihnen passende Freunde oder ein auf Sie abgestimmtes Sonderangebot zu unterbreiten, sind mittlerweile selbst für die Macher dieser Programme nicht mehr nachvollziehbar.

Einerseits wird das Leben durch unseren Fortschritt natürlich angenehmer und leichter. Doch andererseits wird es auch unübersichtlicher und weniger durchschaubar.

Jedermann nutzt ein Smartphone, einen Plasmafernseher, sieht sich DVDs an und fährt Autos, die selbstständig einparken. Allerdings weiß kaum ein Endverbraucher, wie sie tatsächlich funktionieren. Dadurch wird uns immer mehr Eigenständigkeit genommen, und schleichend verlieren wir in der Folge Fertigkeiten, die wir noch vor 20 Jahren besaßen.

Können Sie ein Telefon reparieren? Mein Onkel konnte es noch. Und wenn es gar nicht mehr ging, benutzte er sein Funkgerät. Doch Funk ist eine aussterbende Technik.

Wir setzen ausschließlich auf die Digitalisierung. Unsere Kommunikation verlagert sich immer mehr auf Glasfaserkabel. Schweden hat als Vorreiter dieser Technik schon sämtliche Funktürme abgebaut.

Die Vorstellung, wir könnten irgendwann aufgrund des rasch voranschreitenden Fortschritts nur noch in der Lage sein, Geräte zu bedienen, kann auch Angst machen.

Wie gesagt: Heutzutage sind wir fortschrittlicher und aufgeklärter denn je.

Trotzdem mehren sich im Internet Websites, die sich mit der Theorie einer flachen oder hohlen Erde beschäftigen, mit NASA-Verschwörungen und Reptilienmenschen, die ungesehen unter uns wandeln und in Wahrheit die Welt beherrschen. Blogs und YouTube-Kanäle, in denen es um Spiritismus, Wicca, Geister und alternative Medizin geht, haben Millionen von Anhängern – pardon, Followern.

Grund dafür könnte sein, dass das Leben immer komplexer wird.

Eine Vielzahl von Menschen mag schwierige politische Lagen und den rasanten technischen Fortschritt als eine Art Kontrollverlust empfinden. Da sie die Zusammenhänge nicht mehr durchschauen, flüchten sie sich in Verschwörungstheorien und Geisterglauben, die ihnen in einer multidimensionalen Welt einen gewissen Halt geben. Hier wiederum werden sie dann zu ausgesprochenen Fachleuten und beginnen den vermeintlich Unwissenden ihre Wahrheiten zu erklären.

Hellseher und Spiritisten haben gegenwärtig einen Zulauf wie nie zuvor. Und auf diversen Fernsehkanälen kann man sich von selbst ernannten Medien mithilfe von Horoskopen, Pendeln und Tarotkarten die Zukunft voraussagen lassen. Alles, was man dazu benötigt, ist ein Telefon und seine Kreditkartennummer.

Es scheint fast so, als bräuchten wir bei all dem Fortschritt, bei all der Technisierung, all der Digitalisierung einen übersinnlichen Gegenpol. Etwas, was uns in der Undurchschaubarkeit Halt, Hoffnung und Zuversicht verspricht.

Gerade dann, wenn die Medizin uns zunehmend versichert, dass jedes Nahtoderlebnis lediglich der verzweifelte letzte Versuch unseres Gehirns ist, den eigenen Tod hinauszuzögern bzw. ihn für uns erträglicher zu machen, wollen wir umso mehr an eine unsterbliche Seele glauben. Der Gedanke, nichts würde von uns oder den lieben Menschen bleiben, die uns in den Tod vorausgegangen sind, ist den meisten von uns einfach unerträglich – der Gedanke, sie eines Tages wiederzusehen, dagegen tröstlich.

Die Frage, ob es ein Jenseits, ob es ein Weiterleben nach dem Tod, ob es Geistererscheinungen tatsächlich gibt, ist dabei völlig zweitrangig.

 

Und früher?

 

Das viktorianische Zeitalter ist in vielerlei Hinsicht mit dem unseren vergleichbar. Die Menschen von damals waren so gut informiert wie nie zuvor. Und technisch wie medizinisch wurden immer größere Fortschritte gemacht. Dampfmaschinen, elektrischer Strom, der Verbrennungsmotor, Flugzeuge, das Telefon, Impfstoffe und die Entdeckung des Penizillins brachten die neu entstandene moderne Industriegesellschaft voran.

Hinzu kommt, dass die Viktorianer einen regelrechten Jenseitskult betrieben. Unter Königin Victoria wurde der Vorgang des Trauerns beinahe zur hohen Kunst erhoben. Die gute alte Königin trug nach dem Tod ihres geliebten Gatten Albert Trauer, bis sie selbst von dieser Welt abberufen wurde. Und gewiss war sie voller Hoffnung, im Jenseits wieder mit ihm vereint zu sein.

Versuche, Kontakt mit den Verstorbenen aufzunehmen, hat es seit Menschengedenken gegeben. Doch eine Bewegung wie der Spiritismus wurde erst in einer modernen Zeit möglich, in der Staat und Klerus die abergläubischen Praktiken nicht mehr unter Strafe stellten.

Medien wie Annie Horniman, die mit Tarotkarten arbeitete, mit Astralprojektionen experimentierte und nach eigenen Angaben häufig auf dem Saturn vorbeischaute, um sich dort mit den Leuten zu unterhalten, verdienten ihren Lebensunterhalt mit Seancen und wurden berühmt. Wo immer sie auftraten, zogen sie Scharen von Gläubigen an.

Tischerücken, Quija-Boards und Seancen, bei denen das Medium in Trance fiel und mit der Stimme des herbeigerufenen Verstorbenen sprach, waren die Highlights in den Salons. Die Toten schlüpften in die Körper der Medien, machten sich durch Klopfzeichen bemerkbar oder schoben ein Glas oder eine Planchette auf dem Tisch umher, um so ihre Botschaften an die Lebenden zu buchstabieren.

Der weltbekannte Zauberkünstler Harry Houdini, der zeit seines Lebens versuchte, ein echtes Medium zu finden, das mit seiner verstorbenen Mutter Kontakt würde aufnehmen können, entlarvte auf seiner Suche die meisten von ihnen als Betrüger und schrieb sogar ein Buch darüber.

Doyle und Houdini, Copyright MFB Press

Sein langjähriger Freund Sir Arthur Conan Doyle dagegen war – nach dem Verlust seines Sohnes Kingsley – davon überzeugt, es sei durchaus möglich, mit den Verstorbenen zu kommunizieren. Conan Doyles Frau bot sich als Medium an, doch der Versuch endete im Desaster, als Houdini Lady Jean Conan Doyle ebenfalls des Betrugs überführte. Darüber gerieten die beiden Gentlemen in Streit und sprachen nie wieder ein Wort miteinander.

Aber warum war der Schöpfer von Sherlock Holmes so sehr davon überzeugt, er habe recht? Warum ging er am 7. Juli 1930 erleichtert und voller Zuversicht über die Schwelle des Todes, als seine Zeit gekommen war?

Ich denke, die Antwort ist einfach: Er klammerte sich an den verzweifelten Glauben, seinen geliebten, viel zu früh verstorbenen Sohn im Jenseits endlich wiedersehen zu können.

Als Vater kann ich das sehr gut nachvollziehen.

Inspector Donald Sutherland Swanson, der aus einer gläubigen Familie stammte und dessen ursprünglicher Berufswunsch Pfarrer gewesen war, wäre es höchstwahrscheinlich ebenso ergangen. Doch Swanson hätte sich vermutlich gefragt, weshalb Conan Doyle sein Heil im Spiritismus suchte und nicht einfach auf Gott und die Bibel vertraute.

 

 

Schlussfolgerung

 

Aber was ist denn nun mit all den Geisterfotografien, den übernatürlichen Erscheinungen und den spukhaften Begegnungen mit längst Verstorbenen, die sich nicht erklären lassen?

Gibt es sie, die Geister?

Kann man sie irgendwie rational erklären?

Ich stamme aus einer Familie, die sich von jeher mit dem Übersinnlichen beschäftigt hat, sammle seit meiner Jugend historische Wahrsagekarten und besitze nicht nur ein Quija-Board von 1899, sondern auch einen viktorianischen Miniatursarg, der einmal einer Wahrsagerin gehörte. So unglaublich es klingen mag, sein Deckel öffnet und schließt sich immer wieder von selbst. Wir glauben, ein freundlicher Geist namens Edgar „lebt“ darin.

Und vor gut 13 Jahren sah ich selbst einen Geist. Das war in einer Jugendherberge im Dartmoor. Doch dieser Geist war weder durchsichtig noch altmodisch gekleidet. Ich begegnete ihm in einem Mehrbettzimmer bei hellem Tageslicht. Er trug Jeans und zog sich gerade sein rotes Hemd über. Und ganz plötzlich war er verschwunden, hatte sich in Luft aufgelöst und ich war wieder ganz allein im Zimmer. Das ist für mich bis heute unerklärlich, denn ich stand bei der Tür, und durch die war er ganz sicher nicht gegangen.

Also mal abgesehen von einer immer komplizierter werdenden Welt, in der wir uns dem Übersinnlichen zuwenden, um das Unvermeidliche besser ertragen zu können …

Gibt es Geister?

Hm. Nun ja, vielleicht …

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