In London mit Robert C. Marley

London kann man immer wieder neu erleben: Je nachdem, mit welchen Augen man die Stadt betrachtet, in welche Viertel man geht und mit welchen Menschen man spricht. Ganz gleich, ob man kulturell oder historisch interessiert ist, als Cineast auf den Spuren berühmter Drehorte wandelt oder lediglich Spaß haben möchte – die Stadt ist eine unerschöpfliche Erlebnis-Fundgrube. Als Kriminalhistoriker und Autor viktorianischer Krimis betrachte ich London natürlich noch aus einem ganz anderen Blickwinkel.

Eine bei Touristen kaum bekannte Sehenswürdigkeit ist zum Beispiel das römische Bad in der Surrey Street. Charles Dickens besuchte es als Kind häufiger, und erwähnt es auch in »David Copperfield«. Es zu finden, bedarf detektivischen Spürsinn! Ganz versteckt liegt es am Ende der Surrey Steps, die zur Strand Lane hinunterführen.

Unbedingt besuchen sollte man aber auch »Ye Olde Cheshire Cheese«. Das Pub befindet sich in Nr. 145 Fleet Street und ist leicht zu übersehen. Von außen wirkt es klein und unscheinbar, im Innern ist es riesig: Es gibt mehrere Bars auf drei Etagen. 1666 im Großen Feuer von London abgebrannt und im Jahr darauf wieder aufgebaut, zog es zahllose berühmte Persönlichkeiten an. Charles Dickens, Wilkie Collins, Agatha Christie, Mark Twain, G.K. Chesterton, Lord Alfred Tennyson und P.G. Wodehouse verkehrten unter anderem hier. Dickens’ Lieblingsplatz am Kamin des Speisezimmers kann sogar im Voraus gebucht werden. Die kleine Bar gleich rechts am Eingang serviert Samuel Smith’s Ale zu unschlagbar günstigen Preisen. In einem Käfig über der Bar wacht Polly the Parrot über die Trinkenden. Zu Lebzeiten weltberühmt für ihre obszönen Aussprüche, wurde die Papageiendame bei ihrem Tod 1926 in den Medien tief betrauert und dann ausgestopft.

London auf die Schnelle:

Schönster Blick über London: Da ich Höhenangst habe, werde ich wohl niemals aufs Monument klettern oder die herrliche Aussicht vom London Eye aus genießen. Ich bevorzuge den Parliament Hill in Hampstead Heath mit einer wunderbaren Aussicht auf die Stadt. Und wenn Sie auf dem Weg dorthin durch die Church Row gehen, kommen Sie kurz vorm Park sogar an H.G. Wells’ Wohnhaus vorbei. Er lebte sein produktives und affärenreiches Leben ab 1909 in Nummer 17 aus.

Must-See: Unbedingt Goodwin’s Court. Diese kleine Gasse liegt versteckt auf der Ostseite der St. Martin’s Lane zwischen den Durchgängen New Yard und Hop Gardens, die beide zur Bedfordbury führen. Betritt man den Court, kommt es einem vor, als habe man einen Zeitsprung getan und sei plötzlich 200 Jahre in die Vergangenheit gereist. Bei Einbruch der Dunkelheit werden hier die alten Gaslaternen entzündet, deren Glanz in die Welt Charles Dickens’ entführt.

Lieblingsrestaurant: Rules, of course! Unweit des Covent Garden Marked ist in Nr. 35 Maiden Lane Londons angeblich ältestes Restaurant untergebracht. Charles Dickens hat hier ebenso gespeist wie Oscar Wilde oder Sir Arthur Conan Doyle, der geistige Vater von Sherlock Holmes. Lilly Langtry, eine der gefeierten Bühnenschönheiten der 1880er Jahre und bevorzugte Gespielin Edwards VII, soll das Restaurant so oft aufgesucht haben, dass man extra für sie eine geheime Tür einbauen ließ, durch die sie ungesehen ein und aus gehen konnte. Offiziell ist in diesen Räumlichkeiten kein Verbrechen dokumentiert, dennoch verfügt Rules über eine sonderbare Spukerscheinung: die mit Vorliebe in der Damentoilette auftritt. Da William Terriss, der in der Nähe ermordete Schauspieler und Womanizer, zu den häufigen Gästen zählte, könnte es sich durchaus um seinen Geist handeln.

Lieblingscafé: Wer einmal seinen Tee in wirklich prachtvoller und historischer Kulisse genießen möchte, dem sei das Café Royal in der Regent Street unweit des Piccadilly Circus empfohlen. Künstler und Schriftsteller waren seit jeher häufige Gäste; darunter Whistler, Wilde und Conan Doyle. Allerdings hat dieser Luxus seinen Preis. Das Angebot der Teekarte beginnt bei ca. 50 Pfund! Günstiger, aber auch weniger atmosphärisch hat man es im Café der National Portrait Gallery am Trafalgar Square. Dafür ist der Ausblick fantastisch.

Unbedingt essen: Sausage & Chips vor dem Britischen Museum. Profan, aber köstlich!

Lieblingsstraße: Fleet Street, die ehemalige Straße der Presse. Tagsüber herrscht hier geschäftiges Treiben, abends wirkt dieser Teil der City wie ausgestorben. Nur hier und da begegnet man noch einem Passanten, der verspätet vom Büro zur U-Bahn eilt. Der Tempel liegt still und verlassen da, und es fällt nicht schwer, sich ins viktorianische Zeitalter zurückzuversetzen. James Berry, von 1884 bis 1892 Großbritanniens meistbeschäftigter Henker, war oft in der Bell Tavern zu Gast, ebenso Edgar Wallace. In Nr. 9 King’s Bench Walk wohnte Montague John Druitt, den einige für Jack the Ripper halten. Und wer weiß, ob es sich bei den im Dunkeln verhallenden Schritten tatsächlich um einen Kanzleiboten handelt oder aber um Sweeney Todd, den »dämonischen Barbier von Fleet Street«, der angeblich in Nummer 186 betuchten Kunden beim Rasieren die Kehle durchschnitt. Doch das ist lange her, machen Sie also ruhig einen Spaziergang …

Lieblingsviertel: Ins pittoreske Bloomsbury mit seinen ruhigen Squares und edwardianischen Terrace-Houses zog es seit der Erbauung des Britischen Museums und der Londoner Universität vor allem Intellektuelle: wie Charles Dickens, George Bernard Shaw und Virginia Woolf. Aber auch Sir Bernard Spilsbury, der berühmte Pathologe, lebte und starb hier. Seine Aussagen vor Gericht waren unter Mördern so gefürchtet wie bei Polizei und Richtern geschätzt. Spilsburys akribische Beweisführung brachte unter anderem Dr. Crippen und den in Bloomsbury mordenden Metzger Louis Voisin an den Galgen. Die Schriftstellerin Dorothy L. Sayers bewohnte einige Zimmer im Haus 44 Mecklenburgh Square. In 46 Gordon Square wurde die Bloomsbury Group gegründet, und ein paar Häuser weiter in Nummer 49 lebte Frederick Greenland aus den Inspector-Swanson-Romanen. Besonders sehenswert ist allerdings die Sicilian Avenue, die ihrem mediterranen Namen gerade im Sommer alle Ehre macht.

Schönste Sehenswürdigkeit: Der Friedhof von Highgate. Der östliche Teil, auf dem unter anderen Karl Marx, Douglas Adams und Bruce Reynolds, der Kopf des Großen Eisenbahnraubs, ihre letzte Ruhe gefunden haben, ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der ältere westliche Teil, auf dem in den 70er Jahren auch zahlreiche Hammer-Horror-Filme gedreht wurden, ist besonders sehenswert. Hier werden jedoch nur geführte Touren angeboten.

Good to know: Ein Besuch bei Madame Tussaud’s ist ein Muss bei London-Touristen. Die wenigsten aber wissen, dass es sich nicht nur um ein Wachsfigurenkabinett handelt, sondern dass die Familie Tussaud eine der größten historischen Sammlungen der Welt zusammengetragen hat. In ihrem Besitz befinden sich u. a. einer der Originalschlüssel des Haupttors der Bastille und die Krönungskutsche von Napoleon Bonaparte.

Ein besonderes Augenmerk Marie Tussauds hatte stets dem Verbrechen gegolten. Das Museum erwarb nicht nur einen echten viktorianischen Galgen, die Todesglocke des berüchtigten Newgate Gefängnisses und die Klinge, die Marie Antoinette enthauptete, sondern besitzt eine der umfangreichsten Privatsammlungen kriminalhistorischer Objekte. So tragen die Wachsfiguren in der Chamber of Horrors dieselben Kleider, die ihre Vorbilder auch auf dem Weg zum Galgen trugen. Der sogenannte »Säurebad-Mörder« John George Haigh ging in den 1940ern gänzlich auf Nummer sicher. Er verfügte testamentarisch, dass sein Ebenbild in der Ausstellung täglich mit seinem Lieblingskamm frisiert werden müsse …

Lieblingsmuseum: Clink Prison Museum, Museum of London und das Sherlock Holmes Museum. Alle drei entführen uns in längst vergangene Epochen. Jedes auf seine Weise.

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