Dschunken, Tanka und Piraten – Leben auf dem Wasser in British China (von Sophie Oliver)

1895, das Jahr, in dem die Handlung von “Der Fall des lachenden Kranichs” spielt, war im chinesischen Kalender das Jahr des Holzschafes und laut Horoskop ein gutes Jahr für alles, was der Menschlichkeit nützt.

Davon bekamen die Bewohner Hongkongs allerdings wenig mit, denn sowohl 1894 als auch 1895 standen im Zeichen der Pest, die viele Bewohner das Leben kostete.

Hinzu kam, dass die Südchinesische See zwischen Macao und Hongkong sowie zahllose Buchten, Fjorde und enge Landeinschnitte von Piraten dominiert wurden. Viele davon waren Tanka, Wassermenschen, die einem an Land wenig geachteten Volksstamm angehörten. Sie wurden auf ihren Booten geboren, lebten, arbeiteten und starben dort, und manche stiegen eben in die Piraterie ein.

Daraus entwickelten sich regelrechte Familienunternehmen, die ganze Dschunkenflotten befehligten, welche von Generation zu Generation weitervererbt wurden und den britischen Kolonialherren ordentlich zusetzten. Diese verfolgten eine erbarmungslose Politik, was gefangene Piraten betraf. Es galt die Todesstrafe. Öffentliche Exekutionen, zumeist Köpfen, sollte Nachahmer wie Sympathisanten abschrecken.

Unter den Chinesen gab es einige berühmte Piraten, deren Geschichten man sich heute noch erzählt.

Cheung Po Tsai

Cheung Po Tsai

Zum Beispiel Cheung Po Tsai (1783-1822), den Sohn eines Tanka-Fischers, der im Alter von 15 Jahren von einem Piraten entführt und zur Piraterie gezwungen wurde. Später adoptierte ihn sein Entführer und setzte ihn als Alleinerben ein. Cheung Po Tsai war ebenso bekannt wie erfolgreich, bis er sich 1810 schließlich ergab, nachdem er zahlreiche Scharmützel mit den Portugiesen geführt hatte. Er verfügte über 280 Schiffe und 25.000 Mann. Später trat er in die chinesische Marine ein und wurde Offizier, bis er 1822 mit 39 Jahren auf See starb. Seine Nachfahren leben noch heute in Macao.

Oder Lai Choi San, die in meinem Roman erwähnt wird und deren Geschichte eine ganz besondere ist, war sie doch die Piratenkönigin von Macao. Sie erbte die im Vergleich zu Cheung Po Tsai bescheidene Anzahl von einem Dutzend Dschunken von ihrem Vater und kontrollierte den Fischereihandel um Hongkong. Weil sie freundschaftliche Beziehungen zu den Behörden pflegte, segelte sie straffrei zwischen den Inseln umher, stahl Schiffsladungen oder erpresste Schutzgeld von Fischern. Aleko Lilius erwähnt sie in seinem 1931 erschienenen Buch “I sailed with pirates” und behauptet, sie und ihre Männer persönlich kennengelernt zu haben. Angeblich gibt es auch ein paar Fotografien von Lai. Darauf sieht man eine zierliche Frau mit tief liegenden Augen und hoher Stirn, die zusammen mit ihrer Besatzung an Bord eines Schiffes sitzt und ein Gewehr in der Hand hält.

Lai Choi San

Piraten spielen in meinem Roman “Der Fall des lachenden Kranichs” eine bedeutende Rolle. Es war mir wichtig, sie nicht schwarz-weiß zu zeichnen, sondern sie als Menschen zu zeigen, denen das Schicksal oftmals ihr Handeln diktierte.

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