Mary E. Braddon: Ein Leben wie im Roman

1839, London: Sie war erst vier oder fünf Jahre alt, als Mutter Fanny sich vom treulosen und erfolglosen Ehemann Henry, einem Anwalt, trennte. Marys Geschwister Maggie (15) und Edward (10) verstanden, was eine Scheidung bedeutete, und ahnten sicherlich, was auf sie zukommen würde, wenn sie aus dem West End ziehen müssten. Sie würden ein anderes Leben als zuvor führen, denn von nun an musste ihre geschiedene und alleinerziehende Mutter um Ehrbarkeit und Würde kämpfen – Scheidungen waren damals verpönt. Schwere Zeiten lagen vor Fanny und ihren Kindern. Doch es war dieses Schicksal, das die kleine Mary nachhaltig prägen sollte, und sie lernte früh, hart zu arbeiten und Geld für die kleine Familie zu verdienen. Diese Eigenschaft sollte ihr niemals verloren gehen. Als ihr Bruder Edward fünf Jahre später nach Indien und später nach Australien ging, ahnte die jetzt Zehnjährige nicht, dass er einmal der Premierminister von Tasmanien werden würde. Zuvor aber schenkte ein Patenonkel ihr einen eigenen Schreibtisch. Spontan beschloss Mary, Schriftstellerin zu werden. Bereits mit sieben Jahren verfasste sie erste Geschichten, die auf bekannten Märchen beruhten und von denen sie später einige erfolgreich in ihren Romanen verarbeitete.

Mary E. Braddon und die Bühne
Mit siebzehn Jahren zog es Mary Braddon nach Bath, wo sie mit der Schauspielerei begann. Auch die Erfahrungen am Theater finden sich oft in ihren Romanen wieder. Insbesondere in »Aurora Floyd« gelingt ihr ein facettenreiches Bild einer Schauspielerin, wie sie selbst wohl gerne eine gewesen wäre. Tatsächlich aber erhielt Mary anfangs nur kleine Rollen, was die finanzielle Unterstützung der Familie schwierig machte, denn Vater Henry half seiner Ex-Frau und den Kindern in keinster Weise. Zwischen 1852 und 1860 stand Mary auf der Bühne, doch derartige Tätigkeiten wurden von ihrer Mutter missbilligt, sodass in Theaterkreisen von nun an eine gewisse Mary Seaton zu sehen war. Fleißig, wie es ihre Art war, arbeitete sich Mary von einer unbedeutenden Statistin hinauf zu kleinen Sprechrollen, von Nebenrollen sogar bis zu einigen Hauptrollen. Sie genoss ihre Karriere, und man sagte ihr Talent nach. Bald schon konnte sie ihre Mutter und die Schwester finanziell unterstützen. 1856 beschloss sie, zurück nach London zu gehen, um am Surrey Theater anspruchsvollere und profitablere Rollen zu spielen. Doch leider wurde die Saison ein Misserfolg. Sie ging zurück in die Provinz, wo sich der alte Erfolg nicht wieder einstellen wollte. Und so verlegte sie ihre Tätigkeit auf das Schreiben.

Die Sixpenny-Autorin
Unter dem Namen M. E. Braddon war sie als schreibende Frau nicht sofort zu erkennen, und bald stellte sich ihr erster großer Erfolg ein: 1862 erschien »Lady Audley’s Secret« als Serie in einem Magazin, das ein gewisser John Maxwell herausgab. Obwohl die Geschichte um Lady Audley großes Interesse beim Publikum weckte, stellte die Zeitung, eines der sogenannten Sixpenny-Magazine, nach dreizehn Ausgaben ihr Wirken ein. Die Öffentlichkeit aber wollte mehr über die geheimnisvolle Lady Audley wissen. So wurde die Serie in einem anderen Magazin fortgesetzt. Gebannt warteten die Leser auf neue fiktive Enthüllungen der dunklen Seite der Oberschicht, was einen Kritiker veranlasste zu sagen: »… Braddon ist es gelungen, die Literatur der Küche zur Lieblingslektüre des Wohnzimmers zu machen.« Aufgrund dieses Urteils arbeitete Braddon noch härter und verfasste zwei Romane pro Jahr sowie Gedichte, Kurzgeschichten und gelegentlich ein Theaterstück. Bald schon konnte sie ein großes Haus für die Familie kaufen.

Bigamie und Lüge
Das war auch nötig, denn Mary hatte sich in John Maxwell verliebt. Sie war in sein Haus gezogen und wurde zur Stiefmutter seiner fünf Kinder. Maxwells eigentliche Ehefrau litt unter psychischen Problemen, die ihr die Erziehung der Kinder unmöglich machte. Es gibt Quellen, die behaupten, Maxwells Frau habe in einer Nervenheilanstalt in Irland gelebt. Mary Braddons Sohn aber gab an, Maxwells Frau habe noch immer mit Mann und Kindern unter einem Dach gewohnt.
Als Mary ein eigenes großes Haus besaß, lebte sie dort mit Maxwell und seinen fünf sowie mit ihren eigenen sechs Kindern, die aus ihrer Beziehung mit Maxwell hervorgegangen waren. Der Erfolg ihrer schriftstellerischen Arbeit ermöglichte es ihr, elf Kinder, einen Lebensgefährten, eine Schwester samt Familie und die eigene Mutter zu ernähren. Nach außen lebten Mary und John Maxwell als verheiratetes Paar, doch ein Verwandter von John Maxwells tatsächlicher Ehefrau teilte den Zeitungen mit, dass die wahre Gattin des Verlegers nicht, wie behauptet, in Irland in einer Irrenanstalt gestorben sei, sondern noch lebte. Die Fassade brach entzwei, der Skandal war unausweichlich. Maxwell log und beharrte darauf, dass seine Frau schon lange tot sei. Als sie dann 1874 tatsächlich starb, versuchte er vergeblich, ihre Beerdigung geheim zu halten. Wieder ging die Angelegenheit durch die Öffentlichkeit, woraufhin Marys Hauspersonal von einem auf den anderen Tag kündigte. Man wolle nicht in einem derart unehrenhaften Hause arbeiten. Für Mary und John war es höchste Zeit, endlich zu heiraten. Das taten sie in der St Brides Church in der Fleet Street. Anschließend zogen sie nach Chelsea und warteten ab, bis sich der Klatsch gelegt hatte.

Ihr Erfolg und der leise Tod
Mittlerweile hatte »Lady Audley’s Secret« das Paar reich gemacht, und auch »Aurora Floyd« wurde vom Publikum geliebt. Ende des 19. Jahrhunderts war Braddon die erfolgreichste Schriftstellerin des Landes, deren Ideen von ihren männlichen Kollegen wie Charles Dickens oder Wilkie Collins gerne kopiert wurden. Sie soll es als Kompliment aufgefasst haben. Es war die Zeit der sogenannten »Sensational Novels«. Fiktive Skandalgeschichten, die sich mit der Gesellschaft ihrer Zeit auseinandersetzten und Fragen stellten, die man öffentlich nicht stellen wollte.
Braddons Erfolgsbücher haben immer einen direkten Bezug zu ihrem eigenen Leben. Da ist die wenig erfolgreiche Provinzschauspielerin in »Aurora Floyd«, der Braddon in der Originalausgabe nicht weniger als 250 Seiten Aufmerksamkeit schenkt. Da ist die Sache mit den gesellschaftlichen Anfeindungen durch Bigamie, denen sie sich selbst ausgesetzt sah und die sie in mehr als einer Geschichte verarbeitete. Und auch eine tragische Figur, natürlich eine Frau, kommt in »Lady Audley’s Secret« in eine Nervenheilanstalt, weil die bigotte Gesellschaft es so will. Immer wieder schaffte es Braddon, ihr eigenes Leben in ihre Bücher einzuweben und sie zu etwas Großem zu machen.
Viele ihrer Bücher wurden auf die Bühne gebracht und verfilmt. 1913 – es war kurz nachdem sie ihr erstes Automobil gekauft hatte – nahm sie an der Filmpremiere von »Aurora Floyd« teil. In den seitdem vergangenen mehr als einhundert Jahren wurde »Lady Audley’s Secret« vier Mal für die Leinwand adaptiert, zuletzt im Jahr 2000 fürs Fernsehen. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, half Braddon im Krankenhaus und engagierte sich sozial. Kaum ein Jahr später starb sie an den Folgen einer Hirnblutung im Alter von achtzig Jahren.
Heute zählt man ihre Kollegen Dickens und Collins zu den Großen der Literatur. Braddon hingegen ist fast vergessen.

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