Morden in Kent – Interview mit Autorin und Canterbury-Fan Gitta Edelmann

CanterburyGitta Edelmann ist freie Autorin, Lektorin und Dozentin für Kreatives Schreiben. Sie lebt in Bonn und schreibt besonders gerne Kriminelles für Kinder und Erwachsene. Ihr neuester Krimi heißt Canterbury Blues und ist seit dieser Woche im Dryas Verlag erhältlich.

Welchen Bezug hast du zu England und speziell zu Canterbury?

I love Britain ;-). Schon als ich mit 17 zum ersten Mal in England war (übrigens in Kent!), habe ich mich dort zuhause gefühlt. Ich hatte später das Glück, mit meiner Familie einige Jahre in Schottland zu leben, und natürlich reise ich mindestens einmal im Jahr auf die Insel, um Freunde zu besuchen oder Neues zu erkunden.

Canterbury war eine der ersten Städte, die ich in England kennengelernt habe – das verbindet. Außerdem lebt dort eine Freundin, so kann ich Privates mit Recherche verbinden und habe natürlich einen anderen Einblick in das Leben dort.

Was gefällt dir an Canterbury?

Ich mag die Mischung aus historischem, altehrwürdigem Sitz des Erzbischofs und moderner Universitätsstadt. Die Kathedrale besuche ich jedes Mal, wenn ich dort bin, meist zum Evensong, der Abendandacht. Dann klingt wunderschöne Chormusik durch das gotische Gewölbe. Die Menschen, auf die ich in Canterbury treffe, sind freundlich und hilfsbereit – und shoppen kann man dort natürlich auch gut.

Was hat dich dort so stark inspiriert, dass du es in dein aktuelles Buch mit aufnehmen wolltest?

Ein großer Teil der Handlung von Canterbury Blues spielt nicht in Canterbury selbst, sondern auf dem Landsitz Feniston Park. Aber zwei Orte in Canterbury mussten natürlich unbedingt wieder vorkommen: Der Charity-Shop, in dem Agatha arbeitet, und der Pub White Swan. Beide Orte sind fiktiv, aber sie sind anderen nachempfunden, die ich kenne. Gerade in der Burgate gibt es eine ganze Reihe solcher Charity-Shops und ich entdecke dort immer wieder Interessantes. Und der White Swan  – ich liebe Pubs und die lockere Art mit der man nach der Arbeit mit den Kollegen etwas trinken geht oder sich mit Freunden trifft. Natürlich bietet der Pub so immer eine gute Möglichkeit, Ella Martin mit anderen Leuten zusammentreffen zu lassen.

Wie würdest du deine Hauptfigur Ella Martin beschreiben?

Ella ist eine erfolgreiche Liebesromanautorin Anfang 30. Sie ist Optimistin, hat natürlich eine lebhafte Fantasie und ist sehr wissbegierig. So ist es kein Wunder, dass sie Dingen auf den Grund gehen will. Sie findet schnell Kontakt zu anderen Menschen und stürzt sich mit Begeisterung in ihr englisches Leben. Sie liebt Tee, Shortbread und Guinness, singt im Chor und häkelt gerne. Ehrlichkeit und Treue in Freundschaft und Liebe sind ihr sehr wichtig, sind die nicht gegeben, bleibt sie lieber allein.

Wie viel Zeit verbringst du für deine Buchrecherchen vor Ort?

Das ist unterschiedlich und kommt natürlich darauf an, wie gut ich den Ort kenne. Da ich sowieso oft in Großbritannien bin, muss ich nicht allzu viel neu recherchieren. Vor dem ersten Band, Canterbury Requiem, war ich aber extra eine ganze Woche in Canterbury, um wirklich alle geplanten Orte noch einmal anzuschauen und die Atmosphäre der Stadt zu atmen. Auch vor Canterbury Serenade habe ich einige Tage in Canterbury verbracht. Dabei hatte ich das Glück, das ehemalige Gefängnis besichtigen zu können, so dass ich es als Handlungsort ins Buch einbauen konnte. Manchmal funktioniert Recherche auch so herum.

Wo schreibst du am liebsten: am Schreibtisch, im Bett oder am Küchentisch?

Das wechselt. Ich sitze zurzeit am liebsten auf dem Sofa mit dem Laptop auf dem Schoß und einer Tasse Tee auf dem Tischchen neben mir. Auch mein Balkon ist je nach Jahreszeit ein toller Schreibort. Und ich schreibe gern im Zug.

Bist du eher ein 9-to-5-Schreiber oder schreibst du täglich in mehreren Etappen?

Meine Schreibzeit ist normalerweise von 8 bis 11 oder halb 12, in dieser Zeit bin ich am produktivsten. Am Nachmittag arbeite ich noch in Teilzeit in einer offenen Ganztagsgrundschule, wo ich hauptsächlich Kreativangebote mache – von Häkeln bis Geschichtenschreiben. Am Spätnachmittag ist dann Zeit für Bürokram wie das Bearbeiten von Mails oder Entwerfen von Konzepten und Programmtexten für Workshops, Beantworten von Interviewfragen, Vorbereitung von Lesungen o.ä. Abends schreibe ich normalerweise nicht, aber manchmal überarbeite ich dann noch meinen Text.

Was fällt dir leicht beim Schreiben?

Eigentlich alles. Ich liebe es, mir Geschichten auszudenken – obwohl ich manchmal beim genauen Plotten schon sehr hart arbeiten muss – sie dann aufzuschreiben und an Formulierungen zu feilen. Ich habe auch immer schon ein paar Ideen für mögliche neue Geschichten.

Wovon lässt du dich am ehesten ablenken?

Wenn ich wirklich Schreibzeit habe, lasse ich mich nicht ablenken. Dann rufe ich weder Mails ab, noch gehe ich ans Telefon. Aber es gibt schon Dinge, die mich daran hindern zu schreiben. Die Steuererklärung z.B., oder positiv: Besuch von einem meiner Kinder (ich habe vier erwachsene Kinder). Das heißt dann allerdings für mich, dass ich von vornherein weiß, an diesen Tagen wird’s nichts mit dem Schreiben. Ich plane meine Zeit ziemlich klar durch. Dann kann ich mich in der Schreibzeit auch wirklich aufs Schreiben konzentrieren und effektiv arbeiten.

Für welches Genre schreibst du am liebsten?

Autorin und Canterbury-Liebhaberin Gitta Edelmann

Autorin und Canterbury-Liebhaberin Gitta Edelmann

Ich liebe beim Schreiben gerade die Vielfältigkeit. Kurzgeschichten oder Romane. Für Kinder oder Erwachsene. Lustig oder ernst. Modern oder historisch. Mehr oder weniger Krimi ist aber fast immer dabei, ebenso wie ein Hauch Liebe und Freundschaft. Ich mag genreübergreifende Geschichten und probiere gerne Neues aus. In Canterbury Blues wird Ella entsprechend nicht nur mit einem neuen, etwas ungewöhnlichen Kriminalfall konfrontiert, sondern auch mit privaten Verwicklungen.

Wie lebt es sich in einem viktorianischen Haushalt?

"The Governess" von Richard Redgrave

„The Governess“ von Richard Redgrave

In der viktorianischen Ära blühte die britische Wirtschaft und das Arbeitsleben trennte sich vom Familienleben. Unterstützt von der anglikanischen Kirche entwickelte sich ein hehres Bild von Ehe und Familie und gerade die Frauen der prosperierenden Mittelklasse unternahmen große Anstrengungen, diesem Ideal zu entsprechen. Ihre oberste Pflicht war es, dem männlichen Haushaltungsvorstand (Gatte/Vater) ein gepflegtes und gemütliches Zuhause zu bieten. Unterstützt wurden sie dabei von einem Heer von Dienstboten.

Je größer der Haushalt war, umso mehr Dienstboten gab es: Hausmädchen, Zofen, Kindermädchen, Ammen, Kammerdiener, Diener, um nur einige zu nennen. Köchin oder Koch nahmen eine Sonderstellung ein. Grundsätzlich kann man sagen: Je schmutziger die Arbeit war, umso niedriger stand man in der häuslichen Hierarchie und umso schlechter war die Entlohnung. Es war also ungefähr wie heute.

In „Engel der Themse“ ist es Emma, die ganz unten steht. Als Tochter eines irischen Arbeiters hat sie nicht viele Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Sie fängt als Scullery-Maid, was nur unzureichend mit „Küchenmädchen“ übersetzt ist, in Whitewood Manor an. Sie scheuert und poliert die kupfernen Töpfe und eisernen Pfannen und muss die Feuer im Haus in Gang halten. Wenn selbst die anderen Dienstboten noch schlafen, schleicht sie sich aus der Dachkammer, die sie sich mit einem anderen Dienstmädchen teilt, und huscht wie ein rußbefleckter Geist mit Ascheeimer und Kehrbesen durchs Haus, um die Öfen einzuheizen und die Kamine zu säubern und neu zu bestücken. Danach geht sie der Köchin zur Hand und bedient am Gesindetisch. Und natürlich ist sie es, die am Ende des Tages auf den Knien liegt und die Küche schrubbt. Ein armseliges Leben, das einem wunde Finger und schmerzende Knie bescherte. Also nicht unbedingt die Art Hausarbeit, die Charlotte Brontë vorschwebte, als sie in einem Brief an eine Freundin schrieb:

„I discovered a most unladylike talent for cleaning, sweeping up hearths, dusting rooms, making beds etc., so if everything else fails ‒ I can turn my hand to that ‒ if anybody will give me good wages, for little labour.“

(Autorin: Anne Breckenridge)

Blenheim Palace, ein Geheimtipp von Katharina Mylius

Als ich das erste Mal von „Blenheim Palace“ hörte, war ich sehr neugierig, was für ein „Palast“ sich wohl hinter dem Namen versteckte. Daher machte ich mich frühmorgens mit einem gebürtigen Oxforder auf den Weg dorthin.

In einem roten Doppeldeckerbus fuhren wir hinaus in das kleine Dorf Woodstock, das etwa zwanzig Minuten von Oxford entfernt liegt. Der Bus hielt direkt vor den Toren des Blenheim Palace – dem Ort, an dem einst Winston Churchill geboren wurde und dem eine Ausstellung im Schloss gewidmet war, wie ich von meinem Freund erfahren hatte. Er war es auch, der vorschlug, nicht den Haupteingang zu benutzen, sondern das Gelände durch das Osttor zu betreten. Ein Geheimtipp, meinte er verheißungsvoll.

 

© Katharina M. Mylius

© Katharina M. Mylius

Und er behielt recht, denn kurz darauf eröffnete sich uns ein wahrlich grandioser Ausblick: Vor uns erstreckte sich der Queen Pool, ein großer Stausee, über den eine mächtige Brücke hin zum Blenheim Palace führte. Leichter Nebel lag über dem See und bis auf das Quaken einer Entenfamilie war alles still. Das imposante Barockschloss stand auf einer Anhöhe und erstrahlte im Licht der aufgehenden Sonne rot-gelb. Hohe Bäume umrahmten das Schloss und zogen sich kilometerweit über das Gelände. Dazwischen lagen sattgrüne Wiesen. Es war so einsam und friedlich.

© Katharina M. Mylius

© Katharina M. Mylius

Gemütlich spazierten wir einen schmalen Weg entlang auf das Schloss zu. Dann war auf einmal Hundegebell zu hören. Ein Border Collie kam auf uns zugesprungen, wurde jedoch von seinem Herrchen zurückgepfiffen. Der ältere Herr in der Wachsjacke und den Gummistiefeln grüßte uns freundlich. „Ist das etwa der zwölfte Duke of Marlborough, der heutige Schlossherr?“, flüsterte ich meinem Begleiter aufgeregt zu. Doch der schüttelte den Kopf und erklärte mir, dass die Woodstocker Bürger den Schlosspark mit einem Pass das ganze Jahr über besuchen konnten. Welch ein herrschaftlicher Ort, um seinen Hund Gassi zu führen!

Beim Schloss angekommen, war ich überwältigt von den aufwendigen Verzierungen der Fassaden und Dächer. Hier hatte man ein Vermögen verbaut. Doch mein persönliches Highlight waren die wunderschönen Gärten, die um das Schloss herum angelegt worden waren: Ein kleiner Lavendelgarten duftete herrlich und auch im etwas abgelegenen Rose Garden standen farbige Rosen in Blüte.

© Katharina M. Mylius

© Katharina M. Mylius

Unser Spaziergang wurde gekrönt von einem Besuch im Schlosscafé. Auf einer Terrasse genossen wir einen Tee und Scones und blickten hinunter zu den Water Terraces, einer kunstvoll angelegten Brunnenlandschaft. Langsam füllte sich die Terrasse mit weiteren Besuchern – mit Schulklassen, Touristengruppen und Familien mit kleinen Kindern. Die anfängliche Ruhe und die Einsamkeit wichen einem lebhaften Gewusel. Doch das störte nicht weiter, denn dieser besondere Ort war einfach viel zu schön, um ihn nicht mit anderen zu teilen.

© Katharina M. Mylius

© Katharina M. Mylius

Edinburgh, die Stadt der Zauberer und Autoren

Ein Besuch mit Verlegerin Sandra Thoms

scotland-859332_1280-1024x681Sir Walter Scott, der Autor u. a. von „Ivanhoe“, nannte Edinburgh „my own romantic city“. Und jeder, der schon einmal dort gewesen ist, kann das mit Sicherheit nachvollziehen: die kleinen verwinkelten Gassen, der Blick vom Schloss über die Stadt und die Ebene rundherum, die Parks und herrschaftlichen Boulevards in der New Town – Romantiker und Historiker lieben diese Stadt. Ebenso wie Autoren, was sich aus der Dichte der in Edinburgh ansässigen Autoren schließen lässt.

IMG_4188-1024x683Pflichtprogramm ist daher für mich bei jedem meiner Besuche in der Stadt (und das waren über die Jahre hinweg schon einige) die Besichtigung des „Writer’s Museum“. Sehr zentral in einem kleinen Innenhof gelegen befindet sich das historische Gebäude, welches das Museum beherbergt. Schon das Gebäude fordert jeden Betrachter geradezu auf, sich hinzusetzen und eine eigene Geschichte aufzuschreiben. In dem verwinkelten historischen Gebäude werden Manuskripte und persönliche Gegenstände von Walter Scott, Robert Burns und Robert Louis Stevenson ausgestellt.

The Writers Museum

The Writers Museum

Ein „Museum“ der anderen Art widmet sich in Edinburgh übrigens einer zeitgenössischen Schriftstellerin, nämlich der Autorin von „Harry Potter“, Joanne K. Rowling. Ein großer Teil ihrer ersten Romane soll ja in dem Café The Elephant House geschrieben worden sein. Das Café gibt es immer noch, im Schaufenster hängt ein Bild der schreibenden Joanne K. Rowling, aufgenommen von einer Überwachungskamera des Cafés. An der Scheibe kleben ganze Busladungen von Touristen, die einen Blick in die Wiege ihres Helden werfen wollen, während drinnen der eine oder andere Autor versucht, seinem Vorbild nachzueifern.

The Elephant House

The Elephant House

Während diese beiden Sehenswürdigkeiten das ganze Jahr über geöffnet haben, gibt es in Edinburgh auch einige termingebundene Attraktionen. Nicht umsonst wird die Stadt auch die „Stadt der Festivals“ genannt. Das größte und bekannteste Festival ist im August das Edinburgh Festival Fringe, ein Theaterfestival, das jedes Jahr Unmengen von Schauspielern, Straßenkünstlern und Comedians in die Stadt lockt. Direkt im Anschluss daran findet das Edinburgh International Book Festival statt, an dem jeder Autor von Rang und Namen schon mindestens einmal teilgenommen hat.

IMG_3711-1024x683Aber Edinburgh ist ja, wie beschrieben, die Stadt der Romantik, in der Zauberer geboren werden oder Monster wie Jekyll und Hyde. Natürlich werden daher dort auch noch die alten keltischen Feiertage Beltane (30. April, bei uns Walpurgisnacht) und Samhain (31. Oktober) gefeiert. An Samhain, heute Halloween, kommen der Legende nach die Geister in unsere Welt. Was in Edinburgh zur Tradition gehört. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit treffen sich die drei Hexen, die schon dem schottischen König Macbeth seine Zukunft vorausgesagt haben, kurz vor dem Eingang des Schlosses und beschwören die Geister. Diese lassen sich nicht lange bitten, bald strömen diverse Naturgeister durch die Straßen und liefern sich einen Kampf um die Stadt, welcher mit einem großen Freudenfeuer der Gewinner endet. Und im Anschluss mit einer großen Auswahl an diversen Partys weitergefeiert werden kann. Die Hexen und Geister sind Schauspielstudenten und Freiwillige, welche jedes Jahr wieder in ihre Rollen schlüpfen. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, sollte man sich dieses Spektakel einmal gönnen.

We sell umbrellas

We sell umbrellas

Ach ja, und weil das immer eine der ersten Fragen ist, die mir gestellt werden: Ja, es regnet um diese Zeit in Edinburgh. Das tut es meistens, auch im Winter, Frühjahr und Sommer. Aber: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung. Willkommen in Schottland!