Reisen im 19. Jahrhundert – von Marlene Klaus

Der Mensch reist.

Schon immer.

hieroglyphics-315121_1280Bereits in der Antike machte man sich auf den Weg. Ägyptens Altertümer zieren zahlreiche in den Stein geritzte Nachrichten Reisender von der Antike über das 18. bis zum 19. Jahrhundert.

Auf letzterem soll unser Fokus liegen.

Trotzdem reise ich erst einmal ein wenig in der Zeit zurück. Lasse Kriegs- und Eroberungszüge links liegen und schaue mal, wer da etwa ab dem Mittelalter so alles auf den Straßen unterwegs war: Da zog zunächst der König mit seinem Gefolge von Pfalz zu Pfalz, um sich blicken zu lassen und Recht zu sprechen. Pilger, Händler, Fahrendes Volk traf man ebenso an wie Boten (beritten und zu Fuß), Lehrlinge auf dem Weg zum Lehrherrn oder Handwerksgesellen auf Wanderschaft. Später bevölkerten abgedankte Soldaten die Wege und ab dem 17. Jahrhundert traf man zunehmend junge Söhne von Adligen auf Kavalierstour, von Lehrern und Mentoren begleitet.castle-eltz-209992_1280

Sie alle hatten also eher pragmatische Gründe für‘s Unterwegssein. Sieht man von den Soldaten ab, die marodierten, weil es sonst nichts mehr für sie gab, suchte man religiöse Läuterung, wollte man Geschäfte abwickeln, Geld verdienen und, im Falle der jungen Adligen, seinen Bildungshorizont erweitern.

Bildungsreisen gehören auch im beginnenden 19. Jahrhundert zum Standardprogramm, zunehmend auch für Frauen.

Doch was in dieser Epoche neu hinzukommt, sind Erholungsreisen sowie Abenteuer- und Erforschungsreisen. Oder einfach nur „reisen, um zu reisen“, wie George Sand es in der ersten Hälfte des Jahrhunderts ausdrückt.

closeup-749954_1280Schauen wir uns die Hintergründe an: Wissenschaft und Fortschritt, Erfindungen und Entdeckungen auf sämtlichen Gebieten. Mit der Industrialisierung wird die Eisenbahn und die Dampfschifffahrt aufgebaut. Verkehrsnetze entwickeln sich. Wirtschaftsräume werden erschlossen, die Suche nach Rohstoffvorkommen gipfelt zum Ende des Jahrhunderts im Imperialismus und Kolonialismus.

Ab Mitte des Jahrhunderts wird die Telekommunikation ausgebaut, Kabel werden über den Atlantik gelegt, Zeitungen und Journale schießen aus dem Boden, Nachrichten gehen um die Welt.

Die Bevölkerung wächst, Städte platzen aus den Nähten, über London hing permanent ein Nebel aus Ruß, Kohlestaub und Schwefel. Das führt uns zum Thema Erholung – und damit zu Thomas Cook.

nile-271312_1280Cook, ein baptistischer Geistlicher, organisierte 1841 eine Eisenbahnfahrt der Abstinenzbewegung von Leicester nach Loughborough zum Sonderpreis von einem Schilling pro Person. Die Bahnfahrt 3. Klasse ohne Sitzgelegenheit in offenen Waggons sollte die Menschen von der Ginflasche weg und hinaus an die frische Luft bringen. Im Reisepreis enthalten war neben der Hin- und Rückfahrt ein Schinkenbrot und eine Tasse Tee. Damit fing alles an. Cook organisierte künftig Exkursionen zur Weltausstellung in London (1851), die erste Reise auf das europäische Festland (1855) sowie eine Reise für Arbeiter per Bahn und Schiff nach Paris (1861), in der erstmals die Ausgaben für Unterkunft und Verpflegung im Preis inbegriffen waren. 1869 führte er die erste Pauschalreise nach Ägypten durch, organisierte in Luxor die ersten Nilkreuzfahrten, die sich nun auch weniger Begüterte leisten konnten. Er gründete 1845 ein Reisebüro, führte Reiseschecks und Hotelcoupons ein. Der Massentourismus war geboren. Der Wunsch, den Metropolen und ihrem Dunst zu entfliehen und Sonne, Meer, Wüste oder Gebirge zu sehen wurde für immer mehr Menschen erfüllbar.

Kommen wir zu den Forschern: Mehr als in den Jahrhunderten zuvor stand die gezielte Erforschung und Untersuchung der Altertümer oder der Flora und Fauna des bereisten Landes in ihrem Fokus. Diese Reisenden verfügten meist über Kenntnisse auf botanischem, mineralogischem oder agrarwissenschaftlichem Gebiet, und sie notierten und zeichneten eifrig, was sie in der Fremde vorfanden.

Die Abenteurer trieb eine Sehnsucht, die sie manchmal gar nicht genau benennen konnten. Der Enge entfliehen, sich Unvorhersehbarem stellen, Rekorde aufstellen oder brechen mag ihre Motivation zum Aufbruch gewesen sein.

Thomas Stevens zum Beispiel fuhr 1884 bis 1888 auf seinem Hochrad um die Welt nur um die Menschen zu sehen, die in ihr lebten.

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Oder die amerikanische Journalistin Nellie Bly, die 1889 in New York aufbrach, um die Reise aus Jules Vernes Roman „In 80 Tagen um die Welt“ nachzuahmen. Sie reiste über England, Jules Vernes Wohnort Amiens, Italien, Ceylon, Hongkong, China, Japan und San Francisco. Nach 72 Tagen beendete sie die Exkursion in damaliger Rekordzeit im Januar 1890. Das dürfte weltweit für Aufsehen gesorgt haben, denn Nellie Bly war die erste Frau, die unbegleitet von einem Mann eine derartige Reise unternommen hatte, was sie zum Vorbild für viele Frauen machte.

Überhaupt die Frauen: In diesem Jahrhundert sind sie unterwegs wie nie zuvor, suchen körperliche Heilung oder seelische Linderung, folgen dem fortreisenden Mann – oder schlicht ihrer eigenen Abenteuerlust. Namen wie Lady Hester Stanhope, Ida Pfeiffer, Isabella Bird Bishop, Jane Digby el-Mezrab, Alexine Tinne, Lady Duff Gordon, Amelia Edwards waren damals bekannt und sind es heute, denn die meisten hinterließen Reiseberichte und Bücher. Die oben erwähnten neuen Möglichkeiten in der Kommunikation taten ihr Übriges, um Kunde über diese Frauen zu verbreiten.

Mark Twain, der aufgrund einer Fehlinvestition fast bankrott war, profitierte ebenso von diesem sicheren Markt für abenteuerliche Erdumrundungen und veröffentlichte 1897 unter dem Titel „Dem Äquator nach“ einen Bericht seiner Reise durch das Britische Empire.

Charles Dickens, Gustave Flaubert, Heinrich Heine, Henry James – um nur einige zu nennen – geben uns ebenfalls durch ihre Werke Kunde von damaligen (Reise)Gegebenheiten.

Dann gilt es noch die Entdecker zu nennen, die sich zu den Polen aufmachten oder ins Innere noch unerforschter Regionen in Afrika, Asien, Nord- und Südamerika.

Doch wie gestaltete sich das Reisen selbst? Wir haben oben bereits vom beginnenden Pauschaltourismus durch Thomas Cook erfahren. Dampf ausstoßende und funkensprühende Lokomotiven, unbequeme Holzbänke, enge Kabinen, Schmutz, Flöhe und sonstiges Ungeziefer dürften an der Tagesordnung gewesen sein.

Auch die Entbehrungen und Strapazen der Entdeckungsreisenden sind uns nicht unbekannt, Nahrungs- oder Wasserknappheit, erfrorene Gliedmaßen, feindliche Völker, wilde Tiere und vieles mehr sind die Herausforderungen, denen sie sich stellen mussten.

Und schließlich die Privilegierten. Sie reisten in komfortablen Schlafwagen, luxuriösen Kabinen, logierten in bestens ausgestatteten Hotels und genossen die Erfüllung ihrer Wünsche durch eine Schar von Dienern und Angestellten.

Für alle jedoch gilt gleichermaßen: Man benötigte auch damals Pässe und Einreisevisa, letztere waren bei konsularischen und diplomatischen Vertretungen der betreffenden Länder in den Grenzstädten erhältlich. Gesundheitsatteste mussten mitgeführt und Zollerklärungen ausgefüllt werden.

globus-228082_1280Drei Beispiele mögen uns stellvertretend einen kleinen Einblick in die Zeit geben: Mariana Starke, eine englische Schriftstellerin, veröffentlichte 1820 ihr Buch „Reisen auf dem Kontinent“, das das gesamte 19. Jahrhundert hindurch als Standardwerk betrachtet wurde. Darin zählt sie auf, was man als Engländer unbedingt mit sich führen sollte, wenn man auf den Kontinent reist: „Zwei Säcke aus Schaffell, ein Paar Kissen, ein Paar Wolldecken, ein Paar Bettvorleger, Betttücher, zwei Bezüge, ein Moskitonetz aus feinem Schleierstoff, ein Vorhängeschloss, Handtücher, Tischtücher, Mundtücher (nicht schöne, sondern dauerhaft im Gebrauch befindliche), Pistolen, Messer, ein Taschenmesser für die Mahlzeit, silberne Esslöffel, Suppen- und Teelöffel, eine Teekanne aus Silber, eine Blechkanne zum Kochen des Teewassers, eine Schachtel mit dem Feuerstahl und dem phosphorigen Zunder, Hafermehl, Federn, Federmesser, Stecknadeln, Schuhe und Stiefel mit doppelter Sohle, einfach oder aus Kork, unentbehrlich, um der Marmor- oder Ziegelpflasterung standzuhalten (die Sohlen müssen elastisch sein), eine Kassette mit Arzneien …“ Diese Liste ist, das sei versichert, von mir unvollständig aufgeführt.

Als zweites Beispiel sei die russische Journalistin und Globetrotterin Lydie Paschkoff erwähnt, die 1872 nach Syrien aufbrach und deren Ausrüstung aus 33 Maultieren für die Taschen, 35 Kamelen für Wasser, zwanzig Eseln für die Kameltreiber und zwölf Pferden für die Soldaten bestand.

horses-116884_1280Und schlussendlich nennen wir Charles Dickens, der Mitte des 19. Jahrhunderts mit seiner Familie im Vierspänner gen Italien fuhr. Die Pferde trugen 96 Glöckchen am Geschirr, die Kutsche war mit Tag- und Nachtbeleuchtung, Fächer für diverse Gegenstände und mit aus Leder gearbeiteten Likörbehältern ausgestattet.

Wohlan – packen wir unsere 20kg Koffer und fliegen unserem Traumziel entgegen.


Die Autorin

Marlene_Klaus_Hockenheim_3Marlene Klaus ist ausgebildete Buchhändlerin. Bevor sie sich als Autorin selbständig machte, jobbte sie als Taxifahrerin, Kellnerin, Postbotin und Bibliothekarin. Mehr zur Autorin unter www.marlene-klaus.de.

Bei Dryas erschienen:

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