Krimiautorin verschwunden – das Rätsel um Agatha Christie

Agatha Christie 1925

Agatha Christie 1925

„Ich kann nicht länger in diesem Haus bleiben“, stand in dem Brief, den die Sekretärin der berühmten Krimiautorin Agatha Christie am 4. Dezember 1926 fand. Am Tag zuvor hatten Agatha und ihr Mann Archie Christie einen heftigen Streit gehabt, nachdem er ihr mitgeteilt hatte, dass er eine Affäre habe und sie verlassen wolle. Einen Tag später war die Autorin verschwunden, sie hatte nur einen Brief hinterlassen, der keinerlei Hinweise gab, wo sie sein könnte. Ihr Auto wurde am nächsten Morgen in der Nähe von Silent Pool gefunden, einem See, in dem die Autorin einige ihrer Figuren ertrinken ließ. In dem Auto lagen ihr Führerschein, ihr Mantel und ihr Koffer.

Silent Pool

Silent Pool

Sofort begann eine groß angelegte Suchaktion. Hatte die Autorin sich in ihrer Verzweiflung das Leben genommen? War Archie nach dem Streit wirklich zu Freunden gefahren oder hatte er vielleicht bei dem Verschwinden die Hände im Spiel? War Agatha Christie Opfer ihres Ruhms geworden und man hatte sie entführt? Der See wurde mit Baggern durchsucht und man setzte eine Belohnung aus für jeden Hinweis, der half, sie zu finden. Scotland Yard schaltete sich ein. Und auch Arthur Conan Doyle wollte helfen. Der Autor war ein begeisterter Spiritist und befragte ein Medium nach dem Verbleib der Kollegin, das ihm mitteilte, dass sie zumindest nicht tot sei.

 

Schließlich erhielt Christies Schwager einen Brief, der am 4. Dezember in London abgeschickt worden war und in dem Agatha ihm schrieb, dass sie einige Tage lang nach Yorkshire zur Kur fahren wolle. Sofort wurden die Gästelisten der Hotels geprüft, aber die Autorin war dort nie angekommen.

 

Elf Tage blieb sie verschwunden. Am 14. Dezember wurde Agatha Christie schließlich in Harrogate, einer Stadt in Mittelengland, in einem Hotel gefunden. Sie war dort unter falschem Namen abgestiegen, feierte und tanzte. Selbst als ihr Mann ins Hotel kam, beharrte sie auf ihre falsche Identität. Später behauptete sie, sie habe an Amnesie gelitten. Was genau sie in den elf Tagen getan hatte, blieb und bleibt für immer ein Rätsel.

 

Ebenfalls um eine unter mysteriösen Umständen verschwundene Person geht es in dem Krimi „Das Geheimnis von Benwick Castle“ von Rob Reef, der elf Jahre nach Christies Verschwinden spielt, also 1937. Sir Alistair Benwick, Hausherr einer im Rannoch Moor gelegenen Burg, wollte in die Stadt zu seinen Anwälten fahren – wo er nie ankam. Von ihm fehlt jede Spur, weswegen sein Bruder Detektiv John Stableford um Hilfe bittet. Ein Lesetipp für alle, die Stableford in die schottischen Highlands folgen wollen, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Houdini und Scotland Yard – von Kriminalistik und Zauberei

Harry_HoudiniDie Antwort auf die Frage, wie es der Giftmörderin Adelaide Bartlett 1885 gelang, ihrem Ehegatten Chloroform in flüssiger Form zu verabreichen, ohne dabei seine Speiseröhre zu verätzen, ist heutzutage ebenso in Vergessenheit geraten wie das Geheimnis jenes Zaubertricks, den der französische Illusionist Hamilton am 16. Januar 1860 zum ersten Mal vorführte: Er ließ ein etwa sechsjähriges Mädchen auf die Bühne treten und bat einige Zuschauer, sich davon zu überzeugen, dass an ihm selbst und dem Kind keinerlei Hilfsmittel angebracht waren. Dann nahm er ein einzelnes Haar des Mädchens zwischen Daumen und Zeigefinger und hob es mit Leichtigkeit daran ungefähr einen halben Meter vom Boden. Danach setzte er es behutsam wieder ab.

Wie im Mordfall Bartlett gab es selbstverständlich auch für diesen Trick eine ganz natürliche Erklärung. 1885 bot der Zaubergerätehändler Voisin den Trick für gerade mal 15 Francs seinen Kollegen zum Kauf an. Zahlreiche Illusionisten führten das Kunststück daraufhin vor, doch geriet der Trick nach einer Weile aus der Mode und schließlich ganz in Vergessenheit. Das Geheimnis ging verloren. Bis heute ist es keinem Zauberkünstler mehr gelungen, das verblüffende Kunststück nachzumachen.

Einer der bekanntesten Illusionisten und Salonmagier tritt in dem neuen Roman von Robert C. Marley „Inspector Swanson und der Magische Zirkel“ auf: Harry Houdini. Ein Name, der selbst im 21. Jahrhundert noch als Synonym für spektakuläre Entfesselungskunst steht.

 

Der Große Houdini

 

houdini1874 wurde der Große Houdini, wie man ihn später nannte, unter dem Namen Ehrich (nach anderen Quellen Erich) Weiß in Budapest als Sohn eines Rabbis geboren und wuchs, nach der Emigration der Familie in die USA, in Wisconsin auf. Schon als Kind faszinierte ihn die Zauberei. Kaum den Kinderschuhen entwachsen, trat er zunächst mit einem seiner Brüder auf Jahrmärkten auf. Da mit der Zauberei kaum Geld zu verdienen war, verdingte sich der junge Ehrich zeitweilig als Zeitungsverkäufer und Arbeiter in einer Krawattenfabrik. Nach seiner Hochzeit mit Beatrice Raymond – genannt Bessie – trat er mehr oder weniger erfolgreich ausschließlich als Zauberer und Entfesselungskünstler auf. Doch das Geld war knapp. Oftmals musste er auf den Märkten Kartoffeln stehlen, um sich und Bessie überhaupt ernähren zu können.

Im Jahre 1899 traf Ehrich Weiß mit dem Theateragenten Martin Beck zusammen, der ihm riet, die herkömmliche Salonmagie mit ihren Tauben und aus Hüten erscheinenden Blumensträußen und Tüchern an den Nagel zu hängen und sich voll und ganz auf spektakuläre Entfesselungstricks zu verlegen. Doch auch hier ließ der Erfolg auf sich warten. Der große Erfolg sollte erst in England kommen, und das auf völlig unvorhergesehene Weise!

 

Scotland Yard lässt sich herausfordern

 

Bei einem Gastspiel in London forderte Ehrich, der mittlerweile unter dem Namen Harry Houdini auftrat, großspurig die Londoner Polizei heraus. Er sei der größte Ausbruchskünstler der Welt! Nicht einmal Scotland Yard sei es möglich, ihn festzuhalten, behauptete Houdini! Superintendent Melville ging tatsächlich darauf ein. Im Beisein eines Journalisten fesselte er Houdini mit Hilfe vermeintlich ausbruchsicherer Handschellen an einen Pfeiler und teilte dem ambitionierten Entfesselungskünstler mit, dies sei genau die Art und Weise, wie man in England mit vorlauten Amerikanern umgehe. Mit den Worten: „Lassen wir ihn ein paar Stunden hier und gehen derweil einen Tee trinken“, wandte sich Melville grinsend an den Journalisten und wollte eben davongehen, als ihm Harry Houdini von hinten auf die Schulter tippte, dem Superintendenten die geöffneten Handschellen hinhielt und sagte: „Nun, ich würde Sie ganz gern begleiten, Gentlemen.“

Dieses Ereignis ging durch die Presse und begründete Houdinis Ruhm. Fortan trat er in London, Berlin und Moskau auf und kehrte als Star in die Vereinigten Staaten zurück. Er schrieb Bücher, trat in Filmen auf und tourte mit seiner Show um die Welt.

 

Harry Houdinis Siegeszug hat begonnen!

 

Lady Jane Doyle

Lady Jane Doyle

„Nicht schlecht für Kirmesbuden-Harry“, schrieb er in jenen Tagen in sein Tagebuch. Eine seiner spektakulärsten Vorführungen war die Wasserfolter – ein Kunststück, bei dem sich der Illusionist, in eine Zwangsjacke gekleidet und mit Handschellen gefesselt, aus einem mit Wasser gefüllten Glaskasten befreite. Houdini perfektionierte den Trick und machte ihn noch spektakulärer, indem er sich kopfüber in dem Glas- und Wassergefängnis festschnallen ließ.

1923 wurde Harry Houdini in New York als Freimaurer in die Cecil Lodge aufgenommen. Seit er über Geld verfügte, war es ihm ein Anliegen, Gutes zu tun und den weniger Begünstigten dieser Welt zu helfen. Mit seinem Freimaurer-Bruder Sir Arthur Conan-Doyle verband ihn eine enge Freundschaft. Während der Skeptiker Houdini jedoch nichts vom Spiritismus hielt und zahlreiche Möchtegern-Medien und Geisterbeschwörer als Scharlatane entlarvte, sah Conan Doyle den Spiritismus als erwiesene Tatsache an. Als Lady Jean Conan Doyle, die sich als Medium betätigte, Houdini anbot, Kontakt zu dessen geliebter, verstorbener Mutter herzustellen, kam es zum Bruch.

 

Ein unerwartetes Ende

 

Ebenso wie sein Erfolg kam auch Harry Houdinis Ende vollkommen unerwartet und überraschend. Am 21. Oktober 1926 wurde er während einer Pause im Umkleideraum des Princess Theaters in Montreal von drei Studenten aufgesucht. Der Kräftigste von ihnen sprach Houdini auf dessen Behauptung an, er könne jeden Faustschlag gegen seinen Körper – wie stark er auch sei – mit Leichtigkeit auffangen. Und er bat den Entfesselungskünstler, dies ausprobieren zu dürfen. Houdini, der auf dem Sofa lag, stimmte zu. Vier rasche, kräftige Schläge trafen ihn mit voller Wucht, als er sich gerade vom Sofa erheben wollte. „Nicht so!“, stöhnte Houdini und rang nach Luft. „Ich muss mich vorbereiten.“ Der junge Mann entschuldigte sich und schlug auf Houdinis Zeichen abermals zu. Diesmal hielt der Illusionist stand. Doch die ersten Schläge hatten das Schicksal des Entfesselungskünstlers bereits besiegelt. Ohne es zu ahnen, trat der Todgeweihte noch drei weitere Abende unter Schmerzen mit einem perforierten Blinddarm auf. Als ihn Bessie schließlich dazu überredete, einen Arzt aufzusuchen, war es zu spät. Nach einer misslungenen Notoperation starb Harry Houdini, der größte Entfesselungskünstler aller Zeiten, am Abend des 29. Oktober 1926. Er wurde nur 57 Jahre alt.

Die Zauberkunst ist ein seltsames und rätselhaftes Geschäft; genau wie die Kunst, das perfekte Verbrechen zu verüben – zumindest in der Literatur. Wer dieser Verbindung nachgehen möchte, dem sei Robert C. Marleys Roman „Inspector Swanson und der Magische Zirkel“ empfohlen.

 

Von Gerald Hagemann (Übersetzer der Swanson-Reihe)
und René Adebahr Hagemann (Zauberkünstler & Illusionist)

Scotland Yard und seine Vorgänger

Die Entstehungsgeschichte der legendären Polizeibehörde Londons  – von Sandra Thoms

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Nachdem 1809 Berlin als erste große Stadt Europas ihre eigene Polizeibehörde bekommen hatte, 1811 dann Paris mit der „Sûreté“ folgte, war es 1829 auch in London so weit: Die Metropolitan Police wurde gegründet – und damit eine Polizeibehörde mit legendärem Ruf bei allen Krimilesern. Diesen hat sie sicher unter anderem ihrem berühmtesten „Consulting Detective“ Sherlock Holmes zu verdanken.

Die Metropolitan Police ist für den Bezirk Greater London zuständig, nicht aber für die City of London, die ihre eigene Behörde hat, die City of London Police. Gründungsvater der Metropolitan Police war der damalige Innenminister Robert Peel, was den Beamten den Spitznamen „Bobbies“ (hergeleitet von „Robert“) oder „Peeler“ einbrachte.

Der erste Sitz der Behörde, die zu Beginn aus zwei Police-Commissioners bestand, war ein Gebäude am Ende einer Straße namens Great Scotland Yard. Das führte zu dem allgemein übliche Spitznamen der Behörde, „Scotland Yard“. Warum diese Straße so hieß, ist nicht bekannt. Einer Legende nach war das Gebäude, welches Teil des Whitehall-Palasts war, das Quartier der schottischen Könige, wenn diese London besuchten. Das Gebäude wurde allerdings bereits 1890 zu klein für die wachsende Polizeibehörde und man musste umziehen. Das neue Gebäude lag zwar an einer anderen Straße, wurde aber „New Scotland Yard“ getauft. Der Name für den Sitz der Behörde wurde auch nach zwei weiteren Umzügen beibehalten.

New_Scotland_Yard_sign_3

Vor der Gründung des Scotland Yard war ein von den Bürgern gewählter, aber nicht bezahlter Friedensrichter für strafrechtliche Angelegenheiten zuständig. Er wurde von den Common-Informers (Spitzel) und den Thief-Takers (Diebesfänger) unterstützt. Besonders Thief-Takers konnten in dem System gut verdienen, denn nach Ergreifung des Täters erhielt der Thief-Taker nicht nur eine Prämie, sondern auch den Besitz des Verurteilten. Berüchtigt war Ende des 17. Jahrhunderts Jonathan Wild, „Thief-Taker General of Great Britain and Ireland“. Wild war als Straßenräuber aufgewachsen und schaffte es bis zum Boss der Londoner Unterwelt. Wer nicht tat, was er wollte, wurde angezeigt. 1725 wurde Wild das Handwerk gelegt und er landete selbst am Galgen.

Der Autor Henry Fielding (1707–1754) schrieb in Folge die Biografie von Jonathan Wild – und sagte unter dem Eindruck der in diesem Zusammenhang gesammelten Erkenntnisse dem Verbrechen den Kampf an. Er ließ sich zum Friedensrichter wählen und konnte das Innenministerium überzeugen, ihm bezahlte Beamte zur Verfügung zu stellen. Diese „Bow-Street-Runner“ waren bis zur Gründung von Scotland Yard die Einzigen, die einer Polizeibehörde zumindest nahe kamen. Ihren Namen erhielten sie übrigens ebenfalls nach der Straße, in der sich ihre Zentrale befand.

Als Robert Peel seine Beamten auf die Straße schickte, trugen diese bereits eine Uniform mit Frack und Zylinder, damit jeder sie erkennen konnte. Doch natürlich schreckte dies Verbrecher nicht unbedingt ab, sondern verlagerte das Verbrechen nur an vermeintlich unbeobachtete Orte. Um auch dort tätig sein zu können, bezogen 1842 zwölf Polizisten, die nur in Zivil gekleidet ermittelten, das Scotland Yard.

Mit der Entstehung der Polizeibehörden in den unterschiedlichen Ländern entwickelten sich auch die Techniken für die Verbrecherjagd weiter. Zum Beispiel wurden Wiederholungstäter in einer Kartei erfasst. 1894 wurde in England die Bertillonage eingeführt, eine Identifizierungsmethode aus Frankreich, bei welcher Verbrecher durch den Vergleich von Körpervermessungen identifiziert werden. 1900 kam dann offiziell die Daktyloskopie, die Identifizierung durch Fingerabdrücke, hinzu. Nachdem die Beamten von Scotland Yard mit diesen neuen Methoden tatsächlich Aufklärungsarbeit leisten konnten, schwand das Misstrauen in der Bevölkerung und ihr Ansehen wuchs.

Wobei ein nicht unerheblicher Teil des Ansehens auf die Detektivgeschichten von Charles Dickens, Wilkie Collins und Arthur Conan Doyle zurückzuführen ist.